In Zusammenarbeit mit den Schlosskonzerten Thun schreiben Thuner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowohl Vorschauen auf bevorstehende Konzerte als auch Rezensionen vergangener Konzertabende. Das Experiment soll einerseits junge Hörerinnen und Hörer in die Konzertsäle locken, andererseits junge Erwachsene zum genauen Zuhören und Schreiben animieren. Wer weiss, vielleicht beginnt hier sogar eine Kulturjournalismus-Karriere? Die jungen Schreibenden dürfen ihre Meinung über die Konzerte ohne Zensur kundtun. Die geschriebenen Texte erscheinen einerseits auf der Facebookseite «Schülerjournal Schlosskonzerte Thun», andererseits werden sie im Kulturteil der Jungfrauzeitung abgedruckt.
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Ein Liederabend mit lebendigen Klängen
Am Freitagabend wurde die Kirche Hilterfingen nach langer Zeit endlich wieder mit Konzertklängen gefüllt. Das Meisterduo Christoph Prégardien (Tenor) und Julius Drake (Klavier) traten mit ihrem Programm «Facetten des Liedes» auf.
Text und Foto Jonah Wenger, 22gS
Aus der Jungfrauzeitung vom 21. Juni 2021
Nach langer Zeit ohne Auftritte sahen sowohl die Musiker als auch das Publikum dem Konzert mit viel Freude und Enthusiasmus entgegen. Denn, wie Julius Drake erklärt, gibt es drei Elemente, die ein Rezital komplett machen: das Werk des Komponisten und dasjenige des Poeten. Die Musikerinnen und Musiker, die es sich zur Lebensaufgabe machen, die Musik zu studieren und aufzuführen. Und letztlich das Publikum, das zu einem Konzert kommt, um sich unterhalten zu lassen, bewegt und inspiriert zu werden. Ohne das Publikum fehle dem Konzert das Blut in den Adern.
Endlich Live-Musik!
Man scheint fast vergessen zu haben, was Live-Musik überhaupt bedeutet. Als Christoph Prégardien den ersten Ton von «Wiedersehen» von Schubert singt, kommt es einem unwirklich vor. Man ist sich nicht mehr gewohnt, eine solche Performance ohne asynchronen Ton mit unscharfem Bild zu erleben. Nein, dies ist kein Livestream oder CD-Aufnahme. Die Künstler, die im Chor der Kirche stehen, sind wirklich aus Fleisch und Blut. Weiter geht es mit Schubertliedern, Vertonungen von Gedichten verschiedener Poeten. Auch wenn man nicht alle Worte versteht, der Titel der Lieder reicht meistens aus, um sich mit der Idee eines Liedes vertraut zu machen. Schnell verschwindet man in die Welten, die Christoph Prégardien und Julius Drake mit ihrem Zusammenspiel erschaffen. Man spürt die kühle «Der Nacht» auf der Haut und sieht mit dem «Sänger am Felsen» in die Weite. Nach dem Lied «Alinde» applaudiert das Publikum begeistert. Die beiden Musiker verbeugen sich und verlassen die Bühne.
Grossartige Ausdrucksfähigkeit
Nach einer kurzen Pause, in der die Kirche ausgiebig gelüftet wird, folgen die von Schubert vertonten Gedichte von Johann Mayrhofer. Dieser war ein enger Freund Schuberts. Von 1818 bis 1821 lebten sie zusammen in einer Wohngemeinschaft in Wien. Schubert vertonte insgesamt 47 Gedichte von Mayrhofer und dieser schuf die Libretti zu zwei Bühnenwerken für Schubert. Begonnen wird mit dem Lied «Der Alpenjäger», ein Lied das pure Lebensfreude versprüht. Christoph Prégardien lässt die Lieder mit Mimik und Gestik lebendig werden und wird dabei unterstützt von seinem Kollegen. Das Zusammenspiel ist fantastisch, die Stimme Prégardiens verfliesst mit dem Klavier. Die ganze Kirche wird bis in den hintersten Winkel von den lebendigen Klängen gefüllt. Besonders beim Lied «Auflösung» wird diese Lebendigkeit zelebriert. Hier kann man gut erkennen, wie genau Schubert den Text von Mayrhofer vertont hat. Dieses Lied ist auch typisch für die Romantik. Es erzählt von extremen und wechselhaften Gefühlen: Erst wütend und laut, danach für einige Worte fröhlich und süss, und im nächsten Moment wieder böse und wild. Den beiden Musikern gelingt es mit schnellen Dynamikwechseln die Zuhörerin und den Zuhörer aufzurütteln und zu verblüffen.
Danach geht es weiter mit Wagners Wesendonck-Liedern. Diese Gedichte wurden von Mathilde Wesendonck, der Muse Wagners geschrieben. Wagner vertonte ihre Texte im Jahre 1857 im Schweizer Exil in Zürich. Auch mit diesen Werken können die beiden Musiker eine einzigartige Atmosphäre erzeugen. Besonders das Lied «Im Treibhaus» sticht heraus. Julius Drake lässt hier die besungenen Wassertropfen bewusst Realität werden.
Der Abend wird abgerundet mit den Werken von Henri Duparc. Für Christoph Prégardien ein Highlight, denn lange hat er einen Bogen um das französische Liederrepertoire gemacht, da er grossen Respekt vor der französischen Sprache hatte. Jetzt ist er aber begeistert von Henri Duparcs grossartiger Expressivität und dem wunderbaren Legato der französischen Sprache.
Zwei Zugaben
Als der letzte Ton verklungen ist, applaudiert das Publikum begeistert. Die beiden Musiker verlassen die Bühne, betreten sie aber kurz darauf wieder unter erneut anschwellendem Applaus. Christoph Prégardien dankt dem Publikum für den Konzertbesuch und erwähnt, dass dies ein aussergewöhnlich stiller Abend gewesen sei. Als Zugabe trägt das Duo das berühmte Werk «Mondnacht» von Schuhmann vor. Dies wird mit einem weiteren tosenden Applaus belohnt. Das Publikum hat demnach noch nicht genug gehabt. Auch die beiden Künstler scheinen noch Lust auf mehr zu haben und das Publikum kommt deshalb in den Genuss einer zweiten Zugabe. Mit dem Lied «Nacht und Träume» von Schubert begleiten Christoph Prégardien und Julius Drake die Anwesenden in den Abend.
Kammermusik vom Feinsten
Covid-19 macht jungen Künstlern und Künstlerinnen ebenso wie Kulturfreunden das Leben schwer. Die Thuner Schlosskonzerte 2021 sind ein erster Schritt Richtung Normalität und boten dem Streichquartett «Pacific Quartet Vienna» die Möglichkeit, mit musikalischem Können zu brillieren.
Text und Fotos Elena Grundisch, 22gS
Aus der Jungfrauzeitung vom 14. Juni 2021
Am vergangenen Samstag entzückten die Mitglieder des Pacific Quartet Vienna im Rahmen der Thuner Schlosskonzerte gleich zweimal mit ihrem musikalischen Können. Ihre gemeinsame Passion bewog Yuta Takase (1. Violine), Eszter Major (2. Violine), Chin-Ting Huang (Viola) und Sarah Weilenmann (Cello) vor einigen Jahren dazu, das Streichquartett zu gründen und damit ihre Faszination für die Königsdisziplin der Kammermusik nach aussen zu tragen.
Die vier jungen internationalen Musiker und Musikerinnen erfreuen sich seit 2015 eines stetig wachsenden Publikums und konnten schon mehrere Preise für sich gewinnen. Am vergangenen sommerlichen Samstagabend präsentierten sie nun im Rittersaal des Schloss Thun ihre Interpretationen von je einem Streichquartett Haydns, Beethovens und Mendelssohns.
Streichquartette im Wandel der Zeit
Das Besondere an den aufgeführten Streichquartetten ist, dass sie alle innerhalb von 30 Jahren entstanden sind und dennoch den Wandel von Klassik zu Romantik fassbar machen. Haydns Streichquartett Nr. 4, Op. 76 wurde im Jahre 1797 komponiert und trägt den Beinamen «Der Sonnenaufgang». Als Gründer der Streichquartette schaffte Haydn es, in den vier Sätzen einen symphonischen Klang, grosse Melodiebögen und einen ausgesprochen bemerkenswerten Dialog zwischen den Instrumenten entstehen zu lassen.
Gut dreissig Jahre später kehrte Beethoven mit der Komposition seines letzten vollendeten Werkes, dem Streichquartett Nr. 16, Op. 135, zu Haydns klassischer Form und Schreibweise zurück. Eine totale Klangreduktion verleiht dem Werk etwas Intimes, Feingliedriges. «Es ist, als erzähle ein alter Mensch von seiner Vergangenheit», beschrieb Sara Weiermann in ihrer Ansprache vor dem Konzert das Stück.
Mendelssohn hingegen schrieb sein Streichquartett Nr. 2, Op. 13 im Alter von nur 18 Jahren, weshalb es zu einem seiner bedeutendsten Frühwerke gehört. Einerseits gilt herauszustreichen, dass es in Beethovens Todesjahr entstanden ist und durch viele Zitate aus dessen Werken eindeutig als Hommage an den von Mendelssohn bewunderten, älteren Komponisten betrachtet werden kann. Andererseits gelang es dem jungen, damals unglücklich verliebten Komponisten schon in diesem Werk den musikalischen Bogen von höchster Euphorie zum tiefsten Abgrund zu spannen.
Beispiellose Schönheit
Die je knapp hundert Personen, die sich am Samstagabend zu den zwei Konzerten eingefunden hatten, warteten gebannt und nach Live-Musik lechzend auf das Erscheinen des Pacific Quartet Vienna. Lange war es nicht möglich gewesen, Konzerten beizuwohnen, und demnach waren die Erwartungen entsprechend hoch, doch das Streichquartett kam ihnen in nichts nach – übertraf sie sogar noch.
Das Konzert begann mit der bittersüssen Melodie des aufsteigenden Violinthemas auf einem ausgehaltenen Akkord, was wortwörtlich die Sonne aufgehen liess. Die Musik, die den kalten Rittersaal augenblicklich belebte, war geprägt von einer Leichtigkeit und Lebhaftigkeit, sodass einem das Herz beflügelt in der Brust zu hüpfen begann. Sorgfältig reihte das Pacific Quartet Vienna eine musikalische Phrase an die nächste, wobei man das Gefühl bekam, sie behandelten die Noten als etwas wahrhaftig Lebendiges, und wenn Yuta Takase den Bogen in schwungvoller Geste in die Luft hob und mit seinem Blick dem Klang nach oben folgte, so tat man es als Zuschauer ebenso. Obwohl die jungen Musiker und Musikerinnen ausgesprochen wenig Blickkontakt untereinander hatten, so wurde sofort klar, dass sie die gleiche Vorstellung vom Klang, der Gestaltung und Emotion hatten und allein durch die Musik kommunizierten.
Innerhalb von Sekunden wechselten sie die Klangfarben, und sollte einmal die ausgedrückte Emotion für einen Amateur nicht sofort erkennbar sein, dann reichte ein kurzer Blick auf das strahlende oder qualvoll verzogene Gesicht der ersten Geige. Immer neue Klangwelten entsprangen den vier Instrumenten und leiteten diejenigen im Publikum, die für beide Konzerte blieben, auf beachtenswerte Weise von der volltönenden, heiteren Klassik über den intimen, intensiven Beethoven hin zu Mendelssohns endlosen, tragenden Linien. Besonders hervorzuheben ist der dritte Satz in Beethovens Op. 135, bei dem es dem Pacific Quartet Vienna gelang, eine grenzenlose Tiefgründigkeit und Nostalgie zu übermitteln, deren warmer Klang einen vollkommen zu erfüllen vermochte.
Ein Erfolg für alle
Die hervorragende Leistung der vier Musizierenden schaffte es, das Publikum bis zum letzten Ton in den Bann zu ziehen, wobei die Musik über die blossen Töne hinausging und in der Stille weiter hallte, bevor sie von einer neuen Phrase fortgesetzt wurde. Jegliches sonstige Geräusch, wie das Surren der Scheinwerfer oder das Kreischen einer vorbeifahrenden Ambulanz-Sirene, wurde als Störung empfunden, denn es war nichts als die Musik des Quartettes, das man hören wollte. Zum Ende beider Vorstellungen wurde das Pacific Quartet Vienna schliesslich mit einem wohlverdienten, langen Applaus, Bravo-Rufen und beim zweiten Mal sogar einer Standing Ovation verabschiedet, bevor das Publikum beschwingt den Saal verliess und in die angenehme Sommernacht hinaustrat.






















































