Editorial

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Jugend debattiert – Denken aus deiner Perspektive


Jugend debattiert – Denken aus deiner Perspektive


Die Jugend des Gymnasiums Thun debattiert. Ein Erlebnisbericht.  

 

Text Mathias Kundert

Fotos Magdalena Erni, 22gR, Darleen Pfister, 23gA

 

Hab’ ich hier Empfang? Super, ein Hotspot! Aber…. Mist, wo war noch mal der Zugangslink zur Finaldebatte? Oh, sie mussten umziehen?!? Ist das nun der richtige Conference-Room?

 

«Jugend debattiert» unter Corona-Bedingungen – nun schon als einjähriges Jubiläum. Es ist der Samstag, der 15.Mai, ich stehe mit meinem Handy auf der Strasse und habe einen guten Grund, mich den Strapazen des Streamings zu stellen: Mit Darleen Pfister steht erstmals eine Thuner Gymnasiastin im Debattierfinale der besten Vier – national!


Mehr lesen…

 

Präsent, profiliert, pointiert – Darleen aus der 23gA hat die Jury in der Vorrunde für sich eingenommen. Doch nun wirkt sie nervös, die Mundwinkel angespannt.  «Ich war so aufgeregt! Wenn nicht fast gelähmt, weil ich niemals mit diesem Erfolg gerechnet hätte», berichtet sie später. Ich denke nur: «kein Wunder!», ist doch das nationale Finale, Sektion Deutschschweiz, in diesem Jahr besonders hochkarätig besetzt: Rhetorisch raffiniert die Züricherin Mia Leo; mit lebhaften Beispielen aus ihrem Berufsalltag punktend Eileen Fischer vom KV Basel; souverän und überlegt Jonas Lüthy, der Basler Gymnasiast mit der Routine eines zweimaligen, nationalen Finalisten, der in der Jugendarena schon Politgrössen wie Balthasar Glättli oder Simonetta Sommaruga in Verlegenheit gebracht hat.

 

Debattiert wird über die Frage, ob das Beherrschen einer Landessprache Bedingung sein soll, um in der Schweiz arbeiten zu dürfen. Darleen muss Argumente für die Gegenseite einbringen. Eigentlich lustig: Ausgerechnet Darleen, die teils direkt aus ihrem Fremdsprachen-Aufenthalt in Neuchâtel elektronisch mitdebattiert, muss nun dafür argumentieren, dass man eine Landessprache nicht zu lernen brauche. Aber darum geht es gerade bei «Jugend debattiert»: Man kann nicht immer die eigene Meinung vertreten.

 

«Leichter ist es natürlich», meint Darleen, «die eigene Meinung zu vertreten, aber ich mag gerade die Herausforderung, eine andere Perspektive einzunehmen.» Für welche Seite man genau zu argumentieren hat, erfährt man erst kurz vor der Debatte. Vorbereiten muss man sich daher für beide Seiten. Das ist zwar zeitintensiv, aber sinnvoll: «Um die Argumente der Gegenseite wirklich zu verstehen, muss ich ohnehin beide Positionen kennen», weiss Darleen und findet gerade dies spannend. Denn in der Vorbereitung und beim Debattieren verändere sich die eigene Meinung, werde «weniger starr». Indem ich mich von meinen «verhärteten Einstellungen» löse, wird die Perspektive des Anderen zum Ausgangspunkt für mein eigenes Denken.

 

Genau das passiert bei der Finaldebatte: Die ruhige Art von Jonas Lüthy hat Darleen mitgezogen, sie dockt elegant an dessen Überlegungen an und führt mit einem simplen Credo die Argumentation der Gegenseite ad absurdum: «Sprache lernen kann man übrigens auch ohne Zwang!» Von Darleens anfänglicher Angespanntheit ist kaum mehr etwas zu spüren. Sie ist mittendrin in der Debatte.

 

Wenn ich einen Reisebericht darüber schreiben müsste, wie es zu diesem Finaleinzug gekommen ist, läse sich dieser fast wie eine kitschige Heldengeschichte. In den Hauptrollen: Jonas Beer, Darleen Pfister, Magdalene Erni.

 

Drei Jahre ist es her, seit sich das Gymnasium Thun erstmals aufgemacht hat, sich mit den Debattiergrossmeistern des Kantons zu messen. Und was für ein erster Auftritt das war: Die Thuner Repräsentation überrumpelte das Feld mit einer Debattierstrategie, die so neuartig war, dass man danach das Regelwerk des Wettbewerbs anpassen musste. Angeführt wurde das «Team Thun» damals noch von Jonas Beer, der mit seiner unglaublichen Sachkenntnis die zwei Jahre älteren Debattierenden in die Schranken wies und schon im Folgejahr seinen Berner Meistertitel verteidigte.

 

Doch dieses Jahr war alles etwas anders. Jonas, nun zum altgedienten Spieler-Trainer avanciert, qualifizierte sich zwar erneut für die nationale Ausmarchung, musste den Stab jedoch an die neue Generation weitergeben, zu deren Mentor er geworden war: Magdalena Erni aus der 22gR und Darleen Pfister überflügelten mit den Plätzen 1 und 2 den Altmeister und sicherten dem Gymnasium Thun den dreifachen Berner Seriensieg.

 

In der Debatte über die anspruchsvolle Frage «Sollen in der Schweiz CO2-Zölle auf importierte Nahrungsmittel (vergleichbar der Mehrwertsteuer) erhoben werden?» hätte gegen Magdalena Erni wohl jeder alt ausgesehen: Als Co-Präsidentin der Jungen Grünen (Kanton Bern) habe sie sich besonders auf die Debatte gefreut und daher noch gründlicher als sonst recherchiert. Beim Durchspielen aller Argumente sei ihr noch klarer geworden: «Es gibt keinen echten Grund, um nichts gegen die voranschreitende Krise zu unternehmen.»

 

Die fundierte Kenntnis der Klimafragen hat Magdalena geholfen – keine Frage. Dennoch sei sie nicht anders an die Debatte herangegangen wie an jedes andere Thema auch. Denn was letztlich zählt, ist das bessere Argument. Und die besseren Argumente findet Magdalena aufgrund ihres Gespürs für die Gegenseite: «Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass lediglich finanzielle Argumente gegen die Klimazölle sprechen. Deshalb habe ich mich ganz darauf fokussiert, die ökonomischen Vorteile der Klimazölle aufzuzeigen.» Magdalena argumentiert, der Klimazoll bilde lediglich die realen Kosten ab, die bei der Produktion von Lebensmittel entstünden. Er definiert erstmals, wer aufzukommen habe für die Kosten, welche durch die CO2-Produktion entstehen. Der Zoll schaffe entsprechend ökonomische Anreize, CO2-effizienter zu produzieren. Und zudem stärke der Klimazoll auch die Schweizer Wirtschaft: Denn mit der Einführung des Zolls werde die Ungleichheit aufgehoben, dass lediglich in der Schweiz sesshafte Firmen Klimaabgaben berappen müssten. Ein Klimazoll diene daher auch als Verteidigungsstrategie gegen eine mögliche Deindustrialisierung!

 

15. Mai, kurz vor vier Uhr nachmittags. Den Regen habe ich schon längst vergessen, während ich gespannt dem Ende der finalen, nationalen Debatte folge: Die entscheidenden Argumente sind platziert, die letzten Kapriziositäten wirkungsvoll abgefeuert und Jonas Lüthy ist der Gewinner. Gewonnen haben aber alle, wie Darleen weiss: «In einer ausgeglichenen Gruppe herrscht eine wunderbare Harmonie, in der wir uns zuhören, aufeinander eingehen und uns respektieren. Trotzdem werfen wir uns wie wild Argumente um die Ohren und versuchen, den anderen Schachmatt zu diskutieren. All das zusammen liebe ich.»

 

Doch was bleibt von diesem Moment, nach diesem Augenblick des friedlichen Gefechts der Gedankenansätze? Fragt man Darleen, so lehrt einen das Debattieren gedankliche Flexibilität und die Einsicht, dass der Dialog mit anderen «den eigenen Horizont erweitern» kann. Beim Debattieren müsse man sich ernstlich «auf andere einlassen» und gerade das bringe uns einander näher.

 

Diese Nähe war im nationalen Finale deutlich spürbar – trotz digitaler Distanz. Der Fluss der Argumente trägt mich zu Bildern vergangener Jahre: das Gewusel in den Gängen zwischen den Debatten, die kollaborativen Manöverkritiken unter den gerade noch «verfeindeten» Debattierenden, das hitzige Auswechseln der Argumentationsstrategien für die anstehenden Debatten. Im kommenden Frühjahr wird es den Wettbewerb in dieser Form vielleicht wieder geben. Auch dieses Mal werden wieder Thuner*innen fechten mit Worten und Argumenten gegen die Debattierkapazitäten aus Bern und Solothurn, aus Basel und Zürich, aus Luzern und dem Wallis. Und vielleicht werde ich auch ein paar bekannte Gesichter sehen: zum Beispiel Magdalena oder Darleen oder einen meiner eigenen Schüler, oder auch die alte Thuner Debattiergarde, die mit ihrem Know-How nun die Jury bereichert.

 

Debattieren in 3D! Ich freue mich jetzt schon drauf.
 
 

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Jugend debattiert – Denken aus deiner Perspektive


Die Jugend des Gymnasiums Thun debattiert. Ein Erlebnisbericht.  

 

Text Mathias Kundert

Fotos Magdalena Erni, 22gR, Darleen Pfister, 23gA

 

Hab’ ich hier Empfang? Super, ein Hotspot! Aber…. Mist, wo war noch mal der Zugangslink zur Finaldebatte? Oh, sie mussten umziehen?!? Ist das nun der richtige Conference-Room?

 

«Jugend debattiert» unter Corona-Bedingungen – nun schon als einjähriges Jubiläum. Es ist der Samstag, der 15.Mai, ich stehe mit meinem Handy auf der Strasse und habe einen guten Grund, mich den Strapazen des Streamings zu stellen: Mit Darleen Pfister steht erstmals eine Thuner Gymnasiastin im Debattierfinale der besten Vier – national!


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Präsent, profiliert, pointiert – Darleen aus der 23gA hat die Jury in der Vorrunde für sich eingenommen. Doch nun wirkt sie nervös, die Mundwinkel angespannt.  «Ich war so aufgeregt! Wenn nicht fast gelähmt, weil ich niemals mit diesem Erfolg gerechnet hätte», berichtet sie später. Ich denke nur: «kein Wunder!», ist doch das nationale Finale, Sektion Deutschschweiz, in diesem Jahr besonders hochkarätig besetzt: Rhetorisch raffiniert die Züricherin Mia Leo; mit lebhaften Beispielen aus ihrem Berufsalltag punktend Eileen Fischer vom KV Basel; souverän und überlegt Jonas Lüthy, der Basler Gymnasiast mit der Routine eines zweimaligen, nationalen Finalisten, der in der Jugendarena schon Politgrössen wie Balthasar Glättli oder Simonetta Sommaruga in Verlegenheit gebracht hat.

 

Debattiert wird über die Frage, ob das Beherrschen einer Landessprache Bedingung sein soll, um in der Schweiz arbeiten zu dürfen. Darleen muss Argumente für die Gegenseite einbringen. Eigentlich lustig: Ausgerechnet Darleen, die teils direkt aus ihrem Fremdsprachen-Aufenthalt in Neuchâtel elektronisch mitdebattiert, muss nun dafür argumentieren, dass man eine Landessprache nicht zu lernen brauche. Aber darum geht es gerade bei «Jugend debattiert»: Man kann nicht immer die eigene Meinung vertreten.

 

«Leichter ist es natürlich», meint Darleen, «die eigene Meinung zu vertreten, aber ich mag gerade die Herausforderung, eine andere Perspektive einzunehmen.» Für welche Seite man genau zu argumentieren hat, erfährt man erst kurz vor der Debatte. Vorbereiten muss man sich daher für beide Seiten. Das ist zwar zeitintensiv, aber sinnvoll: «Um die Argumente der Gegenseite wirklich zu verstehen, muss ich ohnehin beide Positionen kennen», weiss Darleen und findet gerade dies spannend. Denn in der Vorbereitung und beim Debattieren verändere sich die eigene Meinung, werde «weniger starr». Indem ich mich von meinen «verhärteten Einstellungen» löse, wird die Perspektive des Anderen zum Ausgangspunkt für mein eigenes Denken.

 

Genau das passiert bei der Finaldebatte: Die ruhige Art von Jonas Lüthy hat Darleen mitgezogen, sie dockt elegant an dessen Überlegungen an und führt mit einem simplen Credo die Argumentation der Gegenseite ad absurdum: «Sprache lernen kann man übrigens auch ohne Zwang!» Von Darleens anfänglicher Angespanntheit ist kaum mehr etwas zu spüren. Sie ist mittendrin in der Debatte.

 

Wenn ich einen Reisebericht darüber schreiben müsste, wie es zu diesem Finaleinzug gekommen ist, läse sich dieser fast wie eine kitschige Heldengeschichte. In den Hauptrollen: Jonas Beer, Darleen Pfister, Magdalene Erni.

 

Drei Jahre ist es her, seit sich das Gymnasium Thun erstmals aufgemacht hat, sich mit den Debattiergrossmeistern des Kantons zu messen. Und was für ein erster Auftritt das war: Die Thuner Repräsentation überrumpelte das Feld mit einer Debattierstrategie, die so neuartig war, dass man danach das Regelwerk des Wettbewerbs anpassen musste. Angeführt wurde das «Team Thun» damals noch von Jonas Beer, der mit seiner unglaublichen Sachkenntnis die zwei Jahre älteren Debattierenden in die Schranken wies und schon im Folgejahr seinen Berner Meistertitel verteidigte.

 

Doch dieses Jahr war alles etwas anders. Jonas, nun zum altgedienten Spieler-Trainer avanciert, qualifizierte sich zwar erneut für die nationale Ausmarchung, musste den Stab jedoch an die neue Generation weitergeben, zu deren Mentor er geworden war: Magdalena Erni aus der 22gR und Darleen Pfister überflügelten mit den Plätzen 1 und 2 den Altmeister und sicherten dem Gymnasium Thun den dreifachen Berner Seriensieg.

 

In der Debatte über die anspruchsvolle Frage «Sollen in der Schweiz CO2-Zölle auf importierte Nahrungsmittel (vergleichbar der Mehrwertsteuer) erhoben werden?» hätte gegen Magdalena Erni wohl jeder alt ausgesehen: Als Co-Präsidentin der Jungen Grünen (Kanton Bern) habe sie sich besonders auf die Debatte gefreut und daher noch gründlicher als sonst recherchiert. Beim Durchspielen aller Argumente sei ihr noch klarer geworden: «Es gibt keinen echten Grund, um nichts gegen die voranschreitende Krise zu unternehmen.»

 

Die fundierte Kenntnis der Klimafragen hat Magdalena geholfen – keine Frage. Dennoch sei sie nicht anders an die Debatte herangegangen wie an jedes andere Thema auch. Denn was letztlich zählt, ist das bessere Argument. Und die besseren Argumente findet Magdalena aufgrund ihres Gespürs für die Gegenseite: «Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass lediglich finanzielle Argumente gegen die Klimazölle sprechen. Deshalb habe ich mich ganz darauf fokussiert, die ökonomischen Vorteile der Klimazölle aufzuzeigen.» Magdalena argumentiert, der Klimazoll bilde lediglich die realen Kosten ab, die bei der Produktion von Lebensmittel entstünden. Er definiert erstmals, wer aufzukommen habe für die Kosten, welche durch die CO2-Produktion entstehen. Der Zoll schaffe entsprechend ökonomische Anreize, CO2-effizienter zu produzieren. Und zudem stärke der Klimazoll auch die Schweizer Wirtschaft: Denn mit der Einführung des Zolls werde die Ungleichheit aufgehoben, dass lediglich in der Schweiz sesshafte Firmen Klimaabgaben berappen müssten. Ein Klimazoll diene daher auch als Verteidigungsstrategie gegen eine mögliche Deindustrialisierung!

 

15. Mai, kurz vor vier Uhr nachmittags. Den Regen habe ich schon längst vergessen, während ich gespannt dem Ende der finalen, nationalen Debatte folge: Die entscheidenden Argumente sind platziert, die letzten Kapriziositäten wirkungsvoll abgefeuert und Jonas Lüthy ist der Gewinner. Gewonnen haben aber alle, wie Darleen weiss: «In einer ausgeglichenen Gruppe herrscht eine wunderbare Harmonie, in der wir uns zuhören, aufeinander eingehen und uns respektieren. Trotzdem werfen wir uns wie wild Argumente um die Ohren und versuchen, den anderen Schachmatt zu diskutieren. All das zusammen liebe ich.»

 

Doch was bleibt von diesem Moment, nach diesem Augenblick des friedlichen Gefechts der Gedankenansätze? Fragt man Darleen, so lehrt einen das Debattieren gedankliche Flexibilität und die Einsicht, dass der Dialog mit anderen «den eigenen Horizont erweitern» kann. Beim Debattieren müsse man sich ernstlich «auf andere einlassen» und gerade das bringe uns einander näher.

 

Diese Nähe war im nationalen Finale deutlich spürbar – trotz digitaler Distanz. Der Fluss der Argumente trägt mich zu Bildern vergangener Jahre: das Gewusel in den Gängen zwischen den Debatten, die kollaborativen Manöverkritiken unter den gerade noch «verfeindeten» Debattierenden, das hitzige Auswechseln der Argumentationsstrategien für die anstehenden Debatten. Im kommenden Frühjahr wird es den Wettbewerb in dieser Form vielleicht wieder geben. Auch dieses Mal werden wieder Thuner*innen fechten mit Worten und Argumenten gegen die Debattierkapazitäten aus Bern und Solothurn, aus Basel und Zürich, aus Luzern und dem Wallis. Und vielleicht werde ich auch ein paar bekannte Gesichter sehen: zum Beispiel Magdalena oder Darleen oder einen meiner eigenen Schüler, oder auch die alte Thuner Debattiergarde, die mit ihrem Know-How nun die Jury bereichert.

 

Debattieren in 3D! Ich freue mich jetzt schon drauf.
 
 

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