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Von Blindheit, zerberstenden Spiegeln und einem rachsüchtigen Helden


Von Blindheit, zerberstenden Spiegeln und einem rachsüchtigen Helden


Im Rahmen des Lateinunterrichts lasen Schülerinnen und Schüler auszugsweise Vergils «Aeneis» und ein Gedicht des US-amerikanischen Dichters William Stafford, das auf Vergil verweist. Ausgehend von der Lektüre des römischen Nationalepos interpretierte die Klasse das rätselhafte Gedicht und schlugen so einen Bogen von der römischen Antike zum amerikanischen Pazifismus zur Zeit des Vietnamkriegs.

 

Text Max Bratschi

 

Die «Aeneis» umfasst zwölf Bücher, von denen die ersten sechs eine Odyssee des Protagonisten Aeneas beschreiben, die zweiten sechs Kampfberichte in Latium – eine Ilias. Jedes Buch zählt mehr als 700 Hexameter, ein Versmass mit sechs betonten Längen pro Vers. Damit ist auch das literarische Vorbild von Vergil offensichtlich, denn er orientiert sich an Homers Werken über das Ende von Troja und der langen Reise des findigen Kopfes der Griechen – Odysseus – zurück nach Ithaka.


Mehr lesen…

 

Aeneas trägt als schmückendes Beiwort pius, was soviel wie pflichtbewusst, fürsorglich, anständig und gottesfürchtig bedeutet. Er erfüllt den Auftrag der Götter und gründet als Überlebender aus Troja die Vorgängerstadt von Rom. Der Dichter Publius Vergilius Maro (70–19 v.Chr.) verfasste das Werk zur augusteischen Zeit und legitimierte damit auch den Machtanspruch der gens Iulia, der Familie des ersten Princeps Gaius Iulius Caesar Octavianus, der sich seit 27 v.Chr. Augustus nennen liess. Diese gens bezeichnet Aeneas als ihren Vorfahren, da dessen Sohn Ascanius Iulus der gens auch den Namen gegeben haben soll.

 

Der Schluss des gewaltigen Werkes ist seltsam und macht uns etwas ratlos: In einem Zweikampf zwischen Turnus, dem König der einheimischen Rutuler, und Aeneas, dem eingewanderten Trojaner, verwundet Aeneas seinen Gegner so schwer, dass er sich nicht mehr wehren kann. Er liegt besiegt auf dem Rücken und bittet um Schonung. Aeneas zögert zuerst, dann wird er von Rachegefühlen und Wut ergriffen und ersticht Turnus. Punkt. Ende des Epos.

 

 

 

William Stafford

Im Jahr 1967 verfasste der US-Amerikaner William Stafford folgendes Gedicht:

 

Publius Virgilius Maro

 

Toward the last, paled by the page he wrote

(eagles, tan lions waiting for the Colosseum,

and Caesar determined that the claws

on his arms should lengthen Rome),

the writer suffered his hole picture of what

we are, a picture so adequate that we have become it.


Awed now, our leaders admire our kind

(the great works! the tremendous events

we create!) as – amazed by its portrait –

our mirror strains to believe its own depth,

or shatter what it is. Virgil, you saw,

deeper than war, these tears in human things:


that the blind in their dark have all they need.

 

Stafford (1914–1993) war Pazifist, verweigerte 1941 den Kriegsdienst und wurde deswegen interniert. In den 1960er-Jahren griffen die USA immer stärker in Vietnam ein in der Überzeugung, dass der Dominostein Südvietnam andere Länder in den Kommunismus mitreissen würde.

 

 

 

Deutungsansätze und Gedanken von Schülerinnen und Schülern

Schülerinnen und Schüler des Grundlagen- und Freifachs Latein in der Sekunda haben sich nach dem exzerptweisen Lesen und Übersetzen der Aeneis inklusive des Schlusses mit einigen Stichwörtern aus dem schwer verständlichen Gedicht Staffords befasst. Hier ihre Interpretationen.

 

Blindheit / «blind in their dark»
Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Blindheit in diesem Gedicht eine Metapher für Unwissen ist. Denn wer die Wahrheit nicht sehen kann, der kennt diese nicht. Der Unwissende ist schliesslich glücklicher, als der, dem die Probleme dieser Welt bekannt sind, denn der Unwissende muss sich keine Gedanken machen und lebt ein leichteres Leben. Im Kontext mit dem Vietnamkrieg: Die Regierung hat viele Verbrechen und fürchterliche Fakten der Bevölkerung vorenthalten. Die, die die Wahrheit nicht kannten, glaubten, dass alles gut läuft, dass alles in Ordnung wäre, dem war aber nicht so. (Jeremy)

 

Wer blind ist, sieht zwar die guten Dinge auf der Welt nicht, dafür aber auch keine schlechten Dinge und Ereignisse, die einem auf irgendeine Weise belasten könnten. Es ist nicht besonders positiv, dass Blinde die schönen Dinge, beispielsweise die Natur, nicht sehen können. Doch weil sie noch nie zuvor etwas so Schönes wie eben z.B. die Natur als Bild aufgenommen haben, können sie auch nicht wissen, was sie «verpassen», und deswegen ist es auch nichts Belastendes, nichts zu sehen. Viel mehr können sie sich auf sich selbst konzentrieren, ihr «Inneres anschauen» und sich auf ihre innere Schönheit und die der anderen Menschen konzentrieren. Das gibt ihnen womöglich einen Frieden, der ihnen alles gibt, was sie brauchen. Bezüglich der USA wollte Stafford möglicherweise zeigen, dass man häufig nur das eigene Leid sieht, das einem quält, sich aber nicht über das Leid der anderen Gedanken macht, das man selbst verursacht hat. Z.B., als die USA Kriege führten. (Tamara)

 

Blinde haben in ihrer Dunkelheit alles, was sie brauchen. Blinde sehen nur das, was sie auch sehen wollen. Sie sehen kein Leid, keinen Krieg, kein Sterben. In ihrer Dunkelheit sind sie stark auf sich selbst konzentriert und blenden dadurch alles um sich herum aus. Sie leben in ihrer Welt, in ihrer Blase, ohne das Bedürfnis zu haben, aus ihr heraus zu kommen. Stafford könnte über die USA während des Kalten Krieges geschrieben haben. Die USA sahen nur, wie sie ihre Weltmacht, ihr Ansehen, ihren Reichtum vergrössern konnten, ohne über den Tellerrand zu schauen. Sie haben bekommen, was sie wollten, ohne zu sehen, was sie für Leid angerichtet haben. (Hanna)

 

Blindheit bedeutet nicht nur ein medizinisches Leiden. Auch gesunde Menschen können in Bezug auf gewisse Dinge blind sein. Oftmals sind dies Tatsachen, die man einfach nicht sehen will. Es können aber auch schöne Dinge sein, die man verpasst, weil man sich zu sehr auf anderes konzentriert, das einem in diesem Moment wichtiger erscheint. (Clara)

 

Man kann nicht nur mit den Augen blind sein, sondern auch mit dem Herzen. Eine weitere Art von Blindheit ist, keine Empathie für das Gegenüber zu empfinden. Es gibt Momente im Leben, da kann man nur die Dunkelheit sehen und hoffnungslos sein. Eine blinde Person geht möglicherweise mit offeneren Augen durch das Leben als wir Sehenden. (Désirée)

 

Das, was man sieht, muss nicht unbedingt der Realität entsprechen. So kommt es auch, dass die eigene Dunkelheit (die eigenen schlechten Taten oder schlechten Eigenschaften) verdrängt oder nicht gesehen wird, auch wenn sie eigentlich Teil der Wahrheit und somit Teil der Realität sind. Betrachtet man jedoch den ganzen Satz («That the blind in their dark have all they need»), kann es auch bedeuten, dass man oft mit dem, was man hat, schon genug hat, dass es nicht nötig ist, nach immer mehr und mehr zu streben, sondern dass man sich mit dem zufrieden geben sollte, was man hat. (Julia)

 

«lacrimae rerum» / «tears in human things»
Vergil schrieb in der Aeneis von «Tränen für Dinge» (lacrimae rerum). Der Dichter Stafford nahm diese Tränen in seinem Gedicht auf und schrieb von Tränen in menschlichen Dingen. Ich denke, mit menschlichen Dingen ist das menschliche Handeln gemeint. Menschen streben nach immer mehr, immer höher, immer weiter. Genau wie es die USA im Kalten Krieg taten. Sie sahen die Weltmacht, die sie bekamen, und kaum jemand sah die Tränen in den menschlichen Dingen. Menschen stellen Waffen her, führen Krieg, um dies zu bekommen, was sie wollen. Dieses menschliche Handeln ist aber immer mit Traurigkeit, mit Tragik, mit Tränen gefüllt. (Hanna)

 

Beschrieben werden in diesem Gedicht sowohl die unglaublichen Errungenschaften der Menschen als auch die negativen Konsequenzen davon. Am Ende der Aeneis tötet Aeneas seinen Gegner auf grausame Weise, obwohl dieser sich ergeben hatte. Wie haben Menschen schon egoistisch und rücksichtslos gehandelt? Wie oft hat der Mensch über andere hinweggesehen, nur um Ruhm und Fortschritt zu erlangen? Sicherlich, die Menschen haben Unglaubliches erreicht. Doch vieles hat zwei Seiten. Nur sehr, sehr Weniges ist nur positiv. «These tears in human things» – in den meisten Erfolgen lässt sich Unglück erkennen. (Julia)

 

Viele Dinge können in uns Emotionen auslösen, seien diese positiv oder negativ. Emotionen machen das Leben lebenswert. So ist es umso schöner, dass nicht nur Handlungen anderer Menschen sondern auch Sachen uns bewegen können. (Clara)

 

In der «Aeneis» geht es nicht nur um Krieg. Vergil hat Aeneas als einen sehr menschlichen Menschen konzipiert. Deshalb schreibt Stafford, dass Vergil gesehen, also erkannt habe, dass Menschlichkeit mindestens genauso wichtig ist wie Krieg. Ich denke, dass Stafford darauf hinaus möchte, dass Krieg nicht die Lösung der Probleme ist, sondern dass es tiefer geht als Krieg, dass man menschlich miteinander umgehen und reden sollte. «Lacrimae rerum» / «tears in human things» symbolisiert für mich die Menschlichkeit. (Jeremy)

 

Spiegel/Mirror
Vergil hat seine Bücher fertig geschrieben und war erstaunt und entsetzt, was für ein Werk sich ergeben hat. Das Porträt im Spiegel im Gedicht von Stafford soll womöglich die Werke, die er geschrieben hat, darstellen. Ein Porträt, weil er die Vorstellungen bzw. die Bilder von dem, was er geschrieben hat, in seinem Kopf hatte. Erstaunt darüber, widerspiegelt sich sein tiefstes Inneres durch diese Werke, was ihn belastet, weil er sein Handeln vor sich sieht. Stafford bezieht sich womöglich auf die USA. Amerika hat gedacht, sein Wirken in der Welt und seine Handlungen seien hervorragend, doch Stafford hat den USA durch Reflexion gezeigt, dass sie doch kleiner sind, weltlich gesehen, als sie vielleicht dachten, und dass sie nur halb so gute Ergebnisse vollbrachten, als sie meinten vollbracht zu haben. (Tamara)

 

Und eines Tages wird der Menschheit ein Spiegel vors Gesicht gehalten. Dieser Spiegel zeigt ein genaues Abbild ihrer selbst. Nicht nur die Erfolge, sondern auch alles, was dahinter steckt. «Amazed by ist portrait – our mirror strains to believe ist own depth, or shatter what it is.» – «Erstaunt über sein Porträt – unser Spiegel bemüht sich, seine eigene Tiefe zu glauben, oder zu zerbrechen, was er ist.» Wenn alles gezeigt wird, auch «tears in human things», taucht die Frage auf: Können wir dies alles akzeptieren oder ist dieses Spiegelbild so schwer zu ertragen, dass man es zerstören will? Können wir in unserem Leben einfach weiter machen mit dem Wissen, was alles schon angerichtet wurde? (Julia)

 

Manchmal kann ein Blick in den Spiegel vieles bewirken. In Momenten, in denen wir die Perspektive verlieren, kann er uns helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und uns daran erinnern, wer wir wirklich sind und an welche Prinzipien wir eigentlich glauben. (Clara)

 

Ich denke, mit dem Spiegel will Stafford auf die Fähigkeit, sein Tun zu reflektieren, verweisen. Er möchte darauf hinaus, dass es (in der amerikanischen Regierung) Menschen gab, die ihre Fehler nicht erkannten oder diese nicht haben zugeben wollen. Wenn sie jedoch ehrlich über ihre Handlungen nachgedacht hätten, dann hätten sie ihre Fehler erkannt und das von ihnen geschaffene Trugbild wäre in tausend Stücke zerbrochen. (Jeremy)

 

Ein Spiegel reflektiert, kann Feuer entfachen, Sicherheit geben, glänzen oder Gefühle auslösen. Blinde Personen benötigen keinen Spiegel. Die Augen sind die Spiegel der Seele und können zeigen, wie es einem wirklich geht. (Désirée)

 

Two-voices-Theorie?
Im 6. Buch besucht Aeneas die Unterwelt, wo ihm sein Vater Anchises die weltpolitische Bedeutung der zukünftigen Römer als Prophezeiung zeigt (Verg. Aen. 6.851ff):

 

Tu regere imperio populos, Romane, memento
(hae tibi erunt artes) pacique imponere morem,
parcere subiectis et debellare superbos.

Römer, denk daran, mit Herrschaft die Völker zu lenken
(dies kannst Du nämlich gut) und Deine Sitte dem Frieden aufzuerlegen,
diejenigen, die sich unterwerfen, zu schonen und die Frechen mit Krieg zu vernichten.

 

Wer sich unterwirft, soll verschont werden – eine pax Romana, ein schonungsvoller Frieden à la Rom wird als weltpolitisches Ziel formuliert. Und gleichwohl bringt der Urahne der Römer – pius Aeneas – einen Wehrlosen um? Welch ein Widerspruch im Nationalepos!

 

Amerikanische Philologen haben in den 1960er-Jahren aus dieser und aus anderen Stellen eine versteckte Kritik Vergils abgeleitet, der im Epos neben dem vordergründig nationalistischen Gedanken pazifistische und die römische Expansion ablehnende Überlegungen versteckt habe – unter anderem in der brutalen Schlussszene. Vergil spreche also mit «zwei Stimmen»: mit einer vordergründig die augusteische Ideologie verherrlichenden (public voice), andererseits mit einer auf subtile Art und Weise Kritik an Augustus übenden (private voice).

 

Was hat das mit Stafford zu tun? Die USA verhalten sich wie andere Grossmächte nicht nur in den 1960er-Jahren als imperiale Macht und begründen Eingriffe in die Geschicke anderer Nationen mit eigenen nationalen Interessen. Wollte Stafford darauf aufmerksam machen? Was meinen Sie dazu?

 
 

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Von Blindheit, zerberstenden Spiegeln und einem rachsüchtigen Helden


Im Rahmen des Lateinunterrichts lasen Schülerinnen und Schüler auszugsweise Vergils «Aeneis» und ein Gedicht des US-amerikanischen Dichters William Stafford, das auf Vergil verweist. Ausgehend von der Lektüre des römischen Nationalepos interpretierte die Klasse das rätselhafte Gedicht und schlugen so einen Bogen von der römischen Antike zum amerikanischen Pazifismus zur Zeit des Vietnamkriegs.

 

Text Max Bratschi

 

Die «Aeneis» umfasst zwölf Bücher, von denen die ersten sechs eine Odyssee des Protagonisten Aeneas beschreiben, die zweiten sechs Kampfberichte in Latium – eine Ilias. Jedes Buch zählt mehr als 700 Hexameter, ein Versmass mit sechs betonten Längen pro Vers. Damit ist auch das literarische Vorbild von Vergil offensichtlich, denn er orientiert sich an Homers Werken über das Ende von Troja und der langen Reise des findigen Kopfes der Griechen – Odysseus – zurück nach Ithaka.


Mehr lesen…

 

Aeneas trägt als schmückendes Beiwort pius, was soviel wie pflichtbewusst, fürsorglich, anständig und gottesfürchtig bedeutet. Er erfüllt den Auftrag der Götter und gründet als Überlebender aus Troja die Vorgängerstadt von Rom. Der Dichter Publius Vergilius Maro (70–19 v.Chr.) verfasste das Werk zur augusteischen Zeit und legitimierte damit auch den Machtanspruch der gens Iulia, der Familie des ersten Princeps Gaius Iulius Caesar Octavianus, der sich seit 27 v.Chr. Augustus nennen liess. Diese gens bezeichnet Aeneas als ihren Vorfahren, da dessen Sohn Ascanius Iulus der gens auch den Namen gegeben haben soll.

 

Der Schluss des gewaltigen Werkes ist seltsam und macht uns etwas ratlos: In einem Zweikampf zwischen Turnus, dem König der einheimischen Rutuler, und Aeneas, dem eingewanderten Trojaner, verwundet Aeneas seinen Gegner so schwer, dass er sich nicht mehr wehren kann. Er liegt besiegt auf dem Rücken und bittet um Schonung. Aeneas zögert zuerst, dann wird er von Rachegefühlen und Wut ergriffen und ersticht Turnus. Punkt. Ende des Epos.

 

 

 

William Stafford

Im Jahr 1967 verfasste der US-Amerikaner William Stafford folgendes Gedicht:

 

Publius Virgilius Maro

 

Toward the last, paled by the page he wrote

(eagles, tan lions waiting for the Colosseum,

and Caesar determined that the claws

on his arms should lengthen Rome),

the writer suffered his hole picture of what

we are, a picture so adequate that we have become it.


Awed now, our leaders admire our kind

(the great works! the tremendous events

we create!) as – amazed by its portrait –

our mirror strains to believe its own depth,

or shatter what it is. Virgil, you saw,

deeper than war, these tears in human things:


that the blind in their dark have all they need.

 

Stafford (1914–1993) war Pazifist, verweigerte 1941 den Kriegsdienst und wurde deswegen interniert. In den 1960er-Jahren griffen die USA immer stärker in Vietnam ein in der Überzeugung, dass der Dominostein Südvietnam andere Länder in den Kommunismus mitreissen würde.

 

 

 

Deutungsansätze und Gedanken von Schülerinnen und Schülern

Schülerinnen und Schüler des Grundlagen- und Freifachs Latein in der Sekunda haben sich nach dem exzerptweisen Lesen und Übersetzen der Aeneis inklusive des Schlusses mit einigen Stichwörtern aus dem schwer verständlichen Gedicht Staffords befasst. Hier ihre Interpretationen.

 

Blindheit / «blind in their dark»
Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Blindheit in diesem Gedicht eine Metapher für Unwissen ist. Denn wer die Wahrheit nicht sehen kann, der kennt diese nicht. Der Unwissende ist schliesslich glücklicher, als der, dem die Probleme dieser Welt bekannt sind, denn der Unwissende muss sich keine Gedanken machen und lebt ein leichteres Leben. Im Kontext mit dem Vietnamkrieg: Die Regierung hat viele Verbrechen und fürchterliche Fakten der Bevölkerung vorenthalten. Die, die die Wahrheit nicht kannten, glaubten, dass alles gut läuft, dass alles in Ordnung wäre, dem war aber nicht so. (Jeremy)

 

Wer blind ist, sieht zwar die guten Dinge auf der Welt nicht, dafür aber auch keine schlechten Dinge und Ereignisse, die einem auf irgendeine Weise belasten könnten. Es ist nicht besonders positiv, dass Blinde die schönen Dinge, beispielsweise die Natur, nicht sehen können. Doch weil sie noch nie zuvor etwas so Schönes wie eben z.B. die Natur als Bild aufgenommen haben, können sie auch nicht wissen, was sie «verpassen», und deswegen ist es auch nichts Belastendes, nichts zu sehen. Viel mehr können sie sich auf sich selbst konzentrieren, ihr «Inneres anschauen» und sich auf ihre innere Schönheit und die der anderen Menschen konzentrieren. Das gibt ihnen womöglich einen Frieden, der ihnen alles gibt, was sie brauchen. Bezüglich der USA wollte Stafford möglicherweise zeigen, dass man häufig nur das eigene Leid sieht, das einem quält, sich aber nicht über das Leid der anderen Gedanken macht, das man selbst verursacht hat. Z.B., als die USA Kriege führten. (Tamara)

 

Blinde haben in ihrer Dunkelheit alles, was sie brauchen. Blinde sehen nur das, was sie auch sehen wollen. Sie sehen kein Leid, keinen Krieg, kein Sterben. In ihrer Dunkelheit sind sie stark auf sich selbst konzentriert und blenden dadurch alles um sich herum aus. Sie leben in ihrer Welt, in ihrer Blase, ohne das Bedürfnis zu haben, aus ihr heraus zu kommen. Stafford könnte über die USA während des Kalten Krieges geschrieben haben. Die USA sahen nur, wie sie ihre Weltmacht, ihr Ansehen, ihren Reichtum vergrössern konnten, ohne über den Tellerrand zu schauen. Sie haben bekommen, was sie wollten, ohne zu sehen, was sie für Leid angerichtet haben. (Hanna)

 

Blindheit bedeutet nicht nur ein medizinisches Leiden. Auch gesunde Menschen können in Bezug auf gewisse Dinge blind sein. Oftmals sind dies Tatsachen, die man einfach nicht sehen will. Es können aber auch schöne Dinge sein, die man verpasst, weil man sich zu sehr auf anderes konzentriert, das einem in diesem Moment wichtiger erscheint. (Clara)

 

Man kann nicht nur mit den Augen blind sein, sondern auch mit dem Herzen. Eine weitere Art von Blindheit ist, keine Empathie für das Gegenüber zu empfinden. Es gibt Momente im Leben, da kann man nur die Dunkelheit sehen und hoffnungslos sein. Eine blinde Person geht möglicherweise mit offeneren Augen durch das Leben als wir Sehenden. (Désirée)

 

Das, was man sieht, muss nicht unbedingt der Realität entsprechen. So kommt es auch, dass die eigene Dunkelheit (die eigenen schlechten Taten oder schlechten Eigenschaften) verdrängt oder nicht gesehen wird, auch wenn sie eigentlich Teil der Wahrheit und somit Teil der Realität sind. Betrachtet man jedoch den ganzen Satz («That the blind in their dark have all they need»), kann es auch bedeuten, dass man oft mit dem, was man hat, schon genug hat, dass es nicht nötig ist, nach immer mehr und mehr zu streben, sondern dass man sich mit dem zufrieden geben sollte, was man hat. (Julia)

 

«lacrimae rerum» / «tears in human things»
Vergil schrieb in der Aeneis von «Tränen für Dinge» (lacrimae rerum). Der Dichter Stafford nahm diese Tränen in seinem Gedicht auf und schrieb von Tränen in menschlichen Dingen. Ich denke, mit menschlichen Dingen ist das menschliche Handeln gemeint. Menschen streben nach immer mehr, immer höher, immer weiter. Genau wie es die USA im Kalten Krieg taten. Sie sahen die Weltmacht, die sie bekamen, und kaum jemand sah die Tränen in den menschlichen Dingen. Menschen stellen Waffen her, führen Krieg, um dies zu bekommen, was sie wollen. Dieses menschliche Handeln ist aber immer mit Traurigkeit, mit Tragik, mit Tränen gefüllt. (Hanna)

 

Beschrieben werden in diesem Gedicht sowohl die unglaublichen Errungenschaften der Menschen als auch die negativen Konsequenzen davon. Am Ende der Aeneis tötet Aeneas seinen Gegner auf grausame Weise, obwohl dieser sich ergeben hatte. Wie haben Menschen schon egoistisch und rücksichtslos gehandelt? Wie oft hat der Mensch über andere hinweggesehen, nur um Ruhm und Fortschritt zu erlangen? Sicherlich, die Menschen haben Unglaubliches erreicht. Doch vieles hat zwei Seiten. Nur sehr, sehr Weniges ist nur positiv. «These tears in human things» – in den meisten Erfolgen lässt sich Unglück erkennen. (Julia)

 

Viele Dinge können in uns Emotionen auslösen, seien diese positiv oder negativ. Emotionen machen das Leben lebenswert. So ist es umso schöner, dass nicht nur Handlungen anderer Menschen sondern auch Sachen uns bewegen können. (Clara)

 

In der «Aeneis» geht es nicht nur um Krieg. Vergil hat Aeneas als einen sehr menschlichen Menschen konzipiert. Deshalb schreibt Stafford, dass Vergil gesehen, also erkannt habe, dass Menschlichkeit mindestens genauso wichtig ist wie Krieg. Ich denke, dass Stafford darauf hinaus möchte, dass Krieg nicht die Lösung der Probleme ist, sondern dass es tiefer geht als Krieg, dass man menschlich miteinander umgehen und reden sollte. «Lacrimae rerum» / «tears in human things» symbolisiert für mich die Menschlichkeit. (Jeremy)

 

Spiegel/Mirror
Vergil hat seine Bücher fertig geschrieben und war erstaunt und entsetzt, was für ein Werk sich ergeben hat. Das Porträt im Spiegel im Gedicht von Stafford soll womöglich die Werke, die er geschrieben hat, darstellen. Ein Porträt, weil er die Vorstellungen bzw. die Bilder von dem, was er geschrieben hat, in seinem Kopf hatte. Erstaunt darüber, widerspiegelt sich sein tiefstes Inneres durch diese Werke, was ihn belastet, weil er sein Handeln vor sich sieht. Stafford bezieht sich womöglich auf die USA. Amerika hat gedacht, sein Wirken in der Welt und seine Handlungen seien hervorragend, doch Stafford hat den USA durch Reflexion gezeigt, dass sie doch kleiner sind, weltlich gesehen, als sie vielleicht dachten, und dass sie nur halb so gute Ergebnisse vollbrachten, als sie meinten vollbracht zu haben. (Tamara)

 

Und eines Tages wird der Menschheit ein Spiegel vors Gesicht gehalten. Dieser Spiegel zeigt ein genaues Abbild ihrer selbst. Nicht nur die Erfolge, sondern auch alles, was dahinter steckt. «Amazed by ist portrait – our mirror strains to believe ist own depth, or shatter what it is.» – «Erstaunt über sein Porträt – unser Spiegel bemüht sich, seine eigene Tiefe zu glauben, oder zu zerbrechen, was er ist.» Wenn alles gezeigt wird, auch «tears in human things», taucht die Frage auf: Können wir dies alles akzeptieren oder ist dieses Spiegelbild so schwer zu ertragen, dass man es zerstören will? Können wir in unserem Leben einfach weiter machen mit dem Wissen, was alles schon angerichtet wurde? (Julia)

 

Manchmal kann ein Blick in den Spiegel vieles bewirken. In Momenten, in denen wir die Perspektive verlieren, kann er uns helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und uns daran erinnern, wer wir wirklich sind und an welche Prinzipien wir eigentlich glauben. (Clara)

 

Ich denke, mit dem Spiegel will Stafford auf die Fähigkeit, sein Tun zu reflektieren, verweisen. Er möchte darauf hinaus, dass es (in der amerikanischen Regierung) Menschen gab, die ihre Fehler nicht erkannten oder diese nicht haben zugeben wollen. Wenn sie jedoch ehrlich über ihre Handlungen nachgedacht hätten, dann hätten sie ihre Fehler erkannt und das von ihnen geschaffene Trugbild wäre in tausend Stücke zerbrochen. (Jeremy)

 

Ein Spiegel reflektiert, kann Feuer entfachen, Sicherheit geben, glänzen oder Gefühle auslösen. Blinde Personen benötigen keinen Spiegel. Die Augen sind die Spiegel der Seele und können zeigen, wie es einem wirklich geht. (Désirée)

 

Two-voices-Theorie?
Im 6. Buch besucht Aeneas die Unterwelt, wo ihm sein Vater Anchises die weltpolitische Bedeutung der zukünftigen Römer als Prophezeiung zeigt (Verg. Aen. 6.851ff):

 

Tu regere imperio populos, Romane, memento
(hae tibi erunt artes) pacique imponere morem,
parcere subiectis et debellare superbos.

Römer, denk daran, mit Herrschaft die Völker zu lenken
(dies kannst Du nämlich gut) und Deine Sitte dem Frieden aufzuerlegen,
diejenigen, die sich unterwerfen, zu schonen und die Frechen mit Krieg zu vernichten.

 

Wer sich unterwirft, soll verschont werden – eine pax Romana, ein schonungsvoller Frieden à la Rom wird als weltpolitisches Ziel formuliert. Und gleichwohl bringt der Urahne der Römer – pius Aeneas – einen Wehrlosen um? Welch ein Widerspruch im Nationalepos!

 

Amerikanische Philologen haben in den 1960er-Jahren aus dieser und aus anderen Stellen eine versteckte Kritik Vergils abgeleitet, der im Epos neben dem vordergründig nationalistischen Gedanken pazifistische und die römische Expansion ablehnende Überlegungen versteckt habe – unter anderem in der brutalen Schlussszene. Vergil spreche also mit «zwei Stimmen»: mit einer vordergründig die augusteische Ideologie verherrlichenden (public voice), andererseits mit einer auf subtile Art und Weise Kritik an Augustus übenden (private voice).

 

Was hat das mit Stafford zu tun? Die USA verhalten sich wie andere Grossmächte nicht nur in den 1960er-Jahren als imperiale Macht und begründen Eingriffe in die Geschicke anderer Nationen mit eigenen nationalen Interessen. Wollte Stafford darauf aufmerksam machen? Was meinen Sie dazu?

 
 

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